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der neuste Wahnsinn den sich Venedigs Stadtregierung überlegt...


ABER ES GIBT EINE NEUE AUSGABE DER BIENNALE ARTE
Kurator der zentralen Ausstellung ist Adrian Pedrosa, erstmals ein Brasilianer. Seinen Titel "FOREIGNERS EVERYWHERE" leiht er von einer Neonarbeit des Künstlerkollektivs Claire Fontaine, die sich wiederum auf das gleichlautende Kollektiv aus Turin beziehen, die sich dem Engagement gegen Rassismus und Xenophobie widmeten. Erwarten können wir "nomadische, exilierte, emigrantische Künstler, auf der Flucht, auf ihrem Weg in den globalen Norden (wo der Kunstmarkt wartet..) und zurück". Es soll ebenso um "Outsider" an den Rändern der Gesellschaft und die Queere Community gehen, um Autodidakten und Indigene Kunst.
Löwen Verleihung am 20. April


STRANIERI OVUNQUE – FOREIGNERS EVERYWHERE – FREMDE ÜBERALL

Venedig 20. April bis 24. November 2024

In diesem Jahr wird die Biennale Venedig erstmals von einem Kurator aus Lateinamerika geleitet und kuratiert. Der Brasilianer Adriano Pedrosa geniesst einen hervorragenden Ruf und die Erwartungen liegen hoch, besonders was die Einbeziehung der gobalen Kunsthemisphären abseits des Kunstmarkts betrifft. Vielleicht zu hoch, denn der Versuch die manchmal parallel verlaufenden Entwicklungen der Kunst auf allen Kontinenten abzubilden scheiterte an der überfülle, artete in eine Enzyklopädie zur Kunst des 20. Jahrhundert aus, natürlich unvollständig und leider auch zu selten in echten Gegenüberstellungen zur jeweiligen Zeit in den verschiedenen geografischen Räumen an denen diese parallelen Entwicklungen abzulasen gewesen wäre. Man musste sich auf seine eigenen Erinnerungen und Assoziationen zum dargebotenen verlassen. Zu selten wurden auch regionale eigenständige Bildproduktionen vorgestellt – ohne den Zusatz, dass der Künstler in den Jahren in Europa, insbesonders in Paris war und die dortigen neuen Entwicklungen intensiv betrachtet und letztendlich übernommen hatte. Denn die meisten Künstler emigrierten oder lebten eine Zeit lang eben da und adaptierten die aktuellen Stile. Da solche, nachfolgenden Bemühungen sich in endlos vielen Varianten manifestierten, macht das enzyklopädische unerfüllbar. Man erkennt allerdings durchaus, dass gegenseitige Einflüsse weltweit stattfanden, über die berühmt-bemühten "afrikanischen Masken" hinaus – was dem informierten Kunstliebhaber auch zuvor bekannt war.


Natürlich gibt es ein Reihe beeindruckender Arbeiten, am stärksten wenn sie weitab von Thema und Anspruch eigenständig ihr Thema bearbeiteten.

Gleich zu Beginn der kuratierten Ausstellung und an mehreren Orten nochmals erinnert uns das Künstlerduo Claire Fontaine daran, dass auch wir fast überall Fremde sind und regt uns an über die Möglichkeiten dies zu ändern nachzudenken, über all die Implikationen des Fremdsein. Fremd zu sein, Migration (von KünstlerInnen) hin und her ist ein zentrales, nicht nur historisches Thema der Ausstellung.

Wenig zukunftsoptimistisch erscheint der Astronaut im afrikanischen Batik-Look von Yinka Shonibare der unseren Zivilisationsmüll mit sich ins Universum trägt.

Ein gutes Beispiel für ein engagiertes Werk ist das Filmcollektiv Disobient Archive mit rund 40 Videos zu allen Themen der globale Welt, zu Arbeit, Lebensumständen, Politik, Kriesen, Migaration. So wurde die ernste Lage in Palästina zum Kasperltheater...

Bouchra Khalili zeichnet in Videos verschiedene migrantische Fluchtruten mit persönlichen Erzählungen nach, Geschehnisse, Zurückweisungen, erneute Versuche, Zwischenstationen, überfälle, Schicksale werden nachvollziehbar.

Nil Yalter erinnert mit einer sehr persönlichen Installation mit Dokumenten und Dingen daran "exil is a hard job". Sie erhält den Löwen für ihr Lebenswerk.

Aus erstaunlich viel Archivmaterial, Film, Fotos, Berichten und mit Hilfe europäischer Malerei mit entsprechenden Szenerien konstruiert Fred Kudjo Kuwornu eine Jahrhunderte überbrückende Geschichte der Anwesenheit schwarzer Afrikaner in Europa inklusive Sklaverei Rassismus, persönlichen Schicksalen und Erfolg und verknüpft dies mit heutiger Migration. "we are here".

Pablo Delano aus Puerto Rico versammelt tausende Objekte, oft Kitsch, und Fotografien aus Zeitgeschichte und Werbung zu einem Panorama der US kolonialen Besitznahme zum "museum of old colony". Das reicht von "Aztek-Sonnencreme", "Colony Getränken" bis zu den vier Affen: nichts sehen hören sagen und keinen Sex, bis zu kitschigen Tassen mit Brüsten... zeigt aber ebenso die gehobenen Urlaubsträume der Amerikaner und militärische Präsenz, moderne Hotelhochhäuser und Favelas.

Sehr unscheinbar, aber unübersehbar ob ihrer Grösse – die Seidentücher-Installation von Dana Awartani. Geschunden und zerrissen durch Schüsse und Bulldozerketten wurden diese geflickt "geheilt" – unglaublich positiv in diesen üblen Zeiten von allgegenwärtigem Krieg und Zerstörung.

Ebenso positiv und äusserst pragmatisch ist das offene Favela Haus von Daniel Otero Torres aus dem kolumbianische Dschungel, aus recyceltem Material, Wellblech-Wasserfällen und einem System zur Regen-Trinkwassergewinnung in einer durch Goldsucher verseuchten vergifteten wasserreichen Landschaft – ein Beitrag fürs überleben.

Überhaupt waren "indigene" KünstlerInnen die ihre Lebenswelten darstellten, kulturelle Traditionen zitierten und in ihre Arbeiten übernahmen mit am interessantesten, dem Kurator geschuldet viele aus Brasilien und Lateinamerika, wie die Geschwister Yanomanis, Obin, Yahuarcani, Rodriguez und Curruchich – vieles eher im Primitivismus und Naiver Malerei angesiedelt als in weiterführender zeitgenössischer Kunst. Auch Claudia Andujar mit ihrer Fotoserie aus den Dörfern in Dschungel zählt dazu, Fred Graham (Australien), Emmi Whitehorse (Sioux) mit ihrer bezaubernden filigran abstrahierenden Malerei und weitere.

Oft nahe an Natur, Landschaft und Floralem, wie Anna Zemankovas abstrakt floralen Stickereien oder die blumigen Bildwelten von Beatriz Milhazes aus bunten Verpackungspapierchen, sweet. Toll auch die Fotografien von unterschiedlichsten Fenstergittern in Angola von Kiluanji Kia Henda und ihre Gitterskulptur. Nicht zu vergessen die grossen, naiven, farbstarken Murals indigener Bildwelten von Mahku und dem Aravani Art Project.

Äusserst beeindruckend, faszinierend die Video-Performance von Elya (Nicaragua) – ein surrealer stilisierter Stierkampf in Kostümierung mit indigenen spirituellen Implikatioen, Feuerritual und Verwandlung.

Ein ähnliches aber mechanisches Spektakel führt uns der mit dem Löwen für den besten Nachwuchskünstler ausgezeichnete Karimah Ashadu vor, eine Mopedgang in Nigeria, ein Ruond-up der besonderen Art, eine soziologisch dokumentarische Studie mit hohem Unterhaltungswert.


Der goldene Löwen für den besten Länderpavillon wurde Australien mit Archie Moore zugesprochen. Eine im schwarzen Raum, schwer erkennbare Installation mit hunderten Aktenstapeln, Regierungsdokumenten zu Gesetzen und Angelegenheiten der Aborigines – nicht einsehbar da von einem Wasserbecken umschlossen. Daneben notierte er wandfüllend mit weisser Kreide einen überbordenden Stammbaum der Urbevölkerung.

Für mich gibt es wesentlich stärkere Auftritte, ebenso politisch aber ungemein sinnlicher – zum Beispiel die Blumensträusse-Installation von Anna Jermolaewa im österreichschen Pavillon, die sich auf verschiedenste "Frühlings-Volksaufstände" beziehen, so steht der Jasminstrauss für Tunesien, die Rosen für Georgien, Nelken für Portugal oder Lotus für ägypten. Dazu gibt es die Ballettübungen zu Schwanensee als permanente Performance, in der Sowjetunion im TV ein untrügliches Zeichen, dass eine politische Machtumstrukturierung vorging.

Den stärksten Eindruck hinterlässt bei mir Francois Creuzet der den französischen Pavillon raumfüllend bespielt mit Videos von Unterwasserwelten in der Karibik, eine krude Mischung aus Fischen, Algen und Plastikmüll, einerseits poetisch schöne Bilder und doch äusserst erschreckend. Dazu hängen viele Materialassemblagen aus mit bunten Garnen, Seilen und Netzresten umwickelten ästen, gitterartigen mit Wachs überzogene Strukturen, Trockenblumen und vieles mehr.

Ebenso stark die Videoarbeiten von John Akomfrah im britischen Haus, vorallem die im Untergeschoss! Alles fliesst auch hier. In kleine Bachläufen, Algen, Natur treiben und verfangen sich Erinnerungen – alte koloniale Fotografien von Truppen, Farmfamilien, mal eine Taschenuhr, Schere und Haushaltsgegenstände, kombiniert mit entsprechenden Geräuschen, Ticken, Stiefelgetrappel, Plätschern, Regentropfen... In den oberen Räumen sind Videos zu Migration und Flucht übers Meer mit all den Komplikationen zu sehen.

Die Niederlande bieten dem kongolesischen CATPC Kollektiv Unterschlupf. Diese arbeiten sich am kolonial enteigeneten Landbesitz ab und kaufen so viel wie möglich zurück, befreien ihr altes Stammesland von Monokulturen mit den üblichen Giftimplikationen von Unilever und anderen Konzernen. Finanziert durch den Verkauf ihrer Skulpturen hergestellt aus den Anbauprodukten Kakao Zucker und Palmfett, Tiere, Menschen, Fabelwesen mit Bezug zu Traditionen aber ebenso zur koloniale Ausbeutung, Unterdrückung, Vergewaltigung. Sie fördern Biodiversität als Lebensgrundlage statt Umweltzerstörung – Heilung als Ziel.

Auch Polen bietet Asyl – dem ukrainischen Open Group Collective die ein Karaoke der besonderen Art dem Publikum zum Mitmachen anbieten – lautmalerisch die verschiedensten Fluggeräusche, Schüsse, Explosionen von unterschiedlichen Waffen nachzuahmen! Humor unter übelsten Lebensumständen im Krieg.

Positiv die Heilungs- und Trauerarbeit-Performance im erstmalig beteiligten Pavillon von Ost-Timor. Maria Madeira drückt Lippenstiftküsse auf Fenster und die abstrakten Wandmalereien, früher von den indonesischen Invasoren der Bevölkerung aufgezwungen.

Eine Soundinstallation im japanische Pavillon von Yuko Mohri generiert aus Schwingungen von verrottetendem Obst das auf schönen kleinen Tischchen und Sideboards zu Stilleben arrangiert ist. Dazu tröpfelnde Wassersysteme und kinetisch angetriebene Glocken und Trommeln. Die Ästhetik des Zerfalls.

Äusserst stark der ägyptische Pavillon von Wael Shawky der ein Musikal über die Volksaufstände 1882 und deren Niederschlagung durch die Briten als Film inszeniert. Diesmal von Menschen gespielt und nicht mit Marionetten. Daneben einige Requisiten. Noch grossartiger ist sein Film im Palazzo Grimani mit Marionetten, worin er die griechischen Welterschaffungsmythen, die Götter, Titanen und Menschen auferstehen lässt – Absolut phantastisch – vielleicht die beste Arbeit der diesjährigen Biennale!

Und der deutsche Pavillon? Der zerfranst sich in völlig unterschiedliche Arbeiten und Ansätzen. Auf der Insel Certosa brummen vier Plain-Air Soundinstallationen von vier KünstlerInnen vor sich hin die auf ihre Umgebung reagieren, diese einbeziehen.. Im Giardini läuft eine futuristische Scifi-Fiktion von Yael Bartana – Flucht oder Aufbruch ins Universum mittels eines gigantischen Raumschiffs – "schöne neue Welten", Obstwiesen mit grasenden glücklichen Kühen, Vogelgezwitscher, Dschungel, Wasserwelten und Yoga praktizierenden glücklichen Menschen, Trancedance und wissenschaftlicher Arbeit. Eine immens aufwendige künstliche digital geschaffene zweite Welt im Film. Allerdings wirkt alles sehr steril in der digitalen Welt. Ich bleib lieber hier! Daneben gibt es einen Lehmhauseinbau von Ersan Mondtag, der, wie auch die Kuratorin Cagla Ilk vom Berliner Gorkitheater kommt, der eine interessante Dokumentation über seinen als Gastarbeiter imigrierten Vater offenlegt, Geschichten von Arbeit, Asbestverseuchung, dem Kampf mit den Behörden und seinem sozialen Aufstieg in der BRD.


Sehr spannend die Bilder von Francesco Vezzoli im Palazzo Correr, überarbeitete Gemälde der Renaissance und Barock, Repliken die mit Strass und Perlen, Goldkettchen und anderem appliziert werden. So wird eine Pieta zu Claudia Schiffer, Michael Douglas aufersteht als Boticellis Venus, er selbst als Heiliger Sebastian. Auch Bilder die Stile der Moderne aufgreifen sind dabei, Warholsche Portraits, de Chirico oder Albers Farbquadrat auf Einkauftüte.

Eine ganz besondere Ausstellung bietet Berlinde de Bruyckere in der Chiesa San Giorgio Maggiore, Erzengel, zerlumpte Figuren auf hohen Podesten, Häutungen, Körperfragmente, verwittertes Holz zum Teil mit Wachs überzogen, wachsgetränkte Stoffe die an Körperfragmente erinnern und gleichzeitig an religiöse Ikonografie.

Sehr interessant und schön mal zu wiederzusehen die Werke von Boris Lurie, aus sexuell aufgeladenen Szenerien und Naziverbrechen, Fotos aus Auschwitz betitelt er als "Happening made 1945 by Adolf Hitler" – welch grosser Humor eines überlebenden!



Mit zum Besten gehört auch die Intervention von Christoph Büchel bei der Fondazione Prada im barocken Ca Corner della Regina. Er verwandelt den prachtvollen riesigen Palazzo in einen Flohmarkt! Jeder Winkel ist vollgepackt mit Kram, in Regalen, auf Haufen, Schreibtischen stapeln sich Bücher, Bilder, Kleidung, Elektrogeräte Kochutensilien, Geschirr, Knöpfe, Orden – einfach alles ist zu finden, selbst Toilettenschüsseln und ein Maschinengewehr... Dazu hat er eine Reihe von Trödlern zur Teilnahme eingeladen... der Weg aller Dinge.

In der Accademia feiert die Sammlung Berggruen während der Sanierug des Hauses in Berlin ihren Auftritt im Dialog mit der Sammlung der Accademia – Tintoretto, Bellini, Veronese, Hieronimus Bosch neben Klee, Cezanne Matisse.

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Aravani Art Project



Kiluanji Kia Henda , dahinter Dana Awartani



Pablo Delano



Archie Moore im Australischen Üavillon copyright: Biennale Venezia, Matteo De Mayda



Francois Creuzet



Hajnal Nemes Ungarn



Francesco Vezzoli im Museum Correr



#Christoph Buechel Fondazione Prada im Ca`Corner della Regina